Landkärtchens Blog

Mitteilungen eines Schmetterlings...
Donnerstag, 22. Mai 2008
Anwendungsbeispiel
Zu einer der letzten Bundestagswahlen wurde die beschriebene Methode erstmals ausprobiert. Lesen Sie dazu den folgenden Bericht. Ok. Die angekündigten 3 Minuten zum Lesen sind am Ende dann doch etwas knapp bemessen, lassen Sie sich aber den folgenden Bericht nicht entgehen.

Um zu sehen, wie die Demokratiewahl nun wirklich funktioniert, sehen wir mal Frau Berta Exempla über die Schulter. Nun, was sie zur nächsten Wahl macht, wissen wir nicht, aber bei der letzten Wahl, es war Bundestagswahl, hat sie zum Schluss doch noch mitgemacht. Wie es dazu kam, lesen Sie jetzt. Versetzen wir uns nun also in der Zeit etwa eine halbe Woche vor die genannte Wahl.
Wie sie vielleicht am Namen merken, ist Frau Berta Exempla im recht betagten Alter. In Deutschland geboren, stammten Ihre Eltern aus der Umgebung von Rom. Sie hat die Weltwirtschaftskrise mitgemacht und zwei Weltkriege. Na gut. Vom ersten hat man ihr später erzählt. Ob sie verheiratet war, weiß ich nicht. Heute ist sie jedenfalls alleine und bewohnt eine Altbauwohnung mitten in der Stadt, von der sie sich trotz kleiner Missstände nicht mehr trennen kann.

Bertl, wie wir Nachbarn sie nennen, hat im Moment ein Problem. Deutschland steht Kopf. Seit Wochen. Es sind mal wieder Wahlen und im Fernsehen laufen schon längere Zeit heiße Debatten. Da hat Bertl aber Glück, dass sie inzwischen nicht mehr so gut sehen kann. Sie hat deshalb letztes Jahr das Fernsehen abgemeldet. Das hat einen Vorteil und auch einen Nachteil. Der Vorteil ist, dass sie sich jetzt besagte Debatten nicht antun muss. Der Nachteil ist, dass sie nun seit letztem Jahr regelmäßig Besuch von einem Herren von der GEZ bekommt. Aber heute, wo doch ihre Verwandschaft schon unter der Erde liegt, ist das wahrscheinlich für sie gar kein Nachteil mehr. Egal. Keiner weiß, welche Partei das Ruder wirklich rumreißen kann. Man traut es niemanden zu. Auch Bertl weiß nicht weiter. Also fasst Bertl kurzfristig den Entschluss, diesmal nicht zur Wahl zu gehen. Sie braucht sich also auch keine Gedanken mehr zu machen und außerdem spart sie noch Strom, weil inzwischen auch der Einschaltknopf vom Radio abgebrochen neben dem guten Stück liegt.

An dieser Stelle ist aber eine Information für Sie notwendig, damit Sie die folgende Wende der Geschichte verstehen können. Bertl war eine der ersten Frauen, die ein Mathematikstudium nicht nur zum Abschluss brachte, sondern sogar noch eins drauf setze. Frau Dr. Bertl hat es damals geschafft. Sie durfte unter des Führers Fuchtel an einem geheimen Projekt mitarbeiten, von dem sie heute noch nicht weiß, was es wirklich war. Aber Bertl war nicht dumm, irgend etwas mit den geheimen Waffen vom Führer muss es wohl zu tun gehabt haben. Wenigstens ist sie über die Zeit klüger geworden. Was sie jetzt, so kurz vor der Wahl, doch immer wieder zum Grübeln brachte.

Bertl saß also abends mit ihrer Katze neben dem defekten Radio und dachte nach. Was kann passieren? "Wähle ich die einen, wird's nicht besser. Wähle ich die anderen, wird's vermutlich auch nicht besser. Die vielen Arbeitslosen. Verflixt." Also doch nicht wählen?

Sie schaut aus dem Fenster. Gegenüber lebt der Enkel eines ihrer früheren Arbeitskollegen. Lebt? Na ja. Wenn man weiß, dass er in regelmäßigen Abständen im besoffenen Zustand aus dem Fenster grölt und irgendwelche Lieder singt, kann man das Wort 'lebt' eigentlich nur noch bedingt anwenden. Aber was er für gewöhnlich singt, oder eben besser gesagt 'grölt', konnte Bertl bisher nicht genau verstanden haben, schließlich wohnt sie an einer sehr belebten Straße. Es klang aber jedesmal furchtbar. Und trotzdem kam es ihr irgendwie bekannt vor. Warum schreibe ich das? Just in dem Moment, als ihr Blick auf die gegenüberliegende Häuserfront viel, durchfährt es sie wie ein Blitz. "Geht der auch wählen?" Wahrscheinlich ist er inzwischen schon alt genug dafür. Da kann man nichts machen. "Oh Schreck. Was der wählt, kann ich mir gut vorstellen." Bertl setzt sich, nein fällt, in ihren Sessel zurück. Oh Gott! Furchtbar! Bertl bekommt leichte Panikzustände, weshalb sie auch schon zur Schrankwand herüberschlürft und sich ein Gläschen von dem Klaren eingießt. Und dann gleich noch eins hinterher.

Ja ja, ich weiß. Das klingt hier mal wieder recht Lehrbuchmäßig. Die alte Leier. Oft genug gehört. Na ja. Es ist aber nun mal so, dass Bertl, nachdem der Führer nicht mehr war, sich in bestimmtem Maße politisch interessierte. Und als damals alle hinter der Gardine gestanden haben, 1989, hat sie Westfernsehen geguckt und sich ihre Meinung gebildet. Ihre ganz Eigene. — Ja! Jetzt ist es raus: Ja, Bertl und ich sind Ostdeutsche. Aber wie Sie weiter sehen werden, hat Bertl trotzdem nicht bestimmt, wer bei dieser Wahl Kanzler wird. Doch setzen wir fort.

Der Abend war für Bertl irgendwie ein Schock. Sie wusste nicht, was tun. Nun schläft Bertl in ihrem Alter sowieso nicht mehr so lange wie früher, aber dass sie in der folgenden Nacht kein Auge zugemacht hat, ist auch schon lange nicht mehr vorgekommen. Was also tun?

Nun berichtete ich schon, dass Bertl eine gute Ausbildung genoss. Sie ist zwar alt, aber im Kopf ist noch alles recht klar. Was haben sie damals beim Studium für einen Spaß gehabt. Regelmäßig wurden teils recht simple oder blödsinnige Dinge aus dem Alltag in Studentenkreisen wissenschaftlich analysiert. Beim Bier zum Beispiel. Bertl trank damals gerne Wein. Paradoxe Erkenntnisse kamen oft heraus. Bertl träumt.

Über ihre weiteren Gedanken in dieser Nacht werde ich hier nicht berichten, da sie nicht unbedingt wesentlich sind. Im Morgengrauen war sie aber in ihren Gedanken soweit, dass sie das Gefühl hatte, doch unbedingt zur Wahl gehen zu müssen. Der Enkel von Gegenüber geht bestimmt. Und was der wählt, ist Bertl klar. Irgendwie muss doch das Problem gelöst werden können. "Wen soll ich ankreuzen?" Sie weiß es immer noch nicht.

Vor dem Frühstück holt sich Bertl manchmal unten im Lottoladen die Zeitung. Vor allem jetzt, wo doch auch das Radio den Geist aufgegeben hatte. Das Geld hat Bertl natürlich einbruch- und überfallsicher im Wäscheschrank versteckt. Ich mache das übrigens auch so. Obwohl man sagt, das soll nichts nützen. Das Geld für die Zeitung holt sich Bertl also nun aus ihrem Schrank. Als sie das Fach öffnet entdeckt sie auf dem Fußboden darunter einen Würfel. Wie er dort hin kam, weiß ich nicht. Ich vermute, Bertl weiß es auch nicht mehr. Aber beim Griff zur Geldbörse kam ihr eine Idee. Wenn sie nicht weiß, wen sie wählen sollte, könnte sie doch trotzdem zur Wahl gehen und die Partei auswürfeln. Wie gesagt. Bertl war ausgebildete Mathematikerin. Wenn sie würfelt, ist es purer Zufall, wen es erwischt. Nur eben die Partei, die der Enkel von Gegenüber vermutlich wählt, darf es nicht sein.

Ich könnte Ihnen jetzt einiges zum Thema Verteilungsfunktionen und so zum Besten geben. Ich nehme aber an, dass Sie das sicherlich nicht so sehr interessieren wird. Und wenn Sie's kennen, erst recht nicht. Halten wir aber fest: Bertl fasst in diesem Moment den Beschluss, doch zur Wahl zu gehen. Ihr weiteres Vorgehen werde ich nun präzise und weiterhin ohne Ausschweifungen wiedergeben.

Für die Zusendung der Wahlunterlagen zur Briefwahl war es inzwischen zu spät. Außerdem schaffte es Bertl bisher immer bequem bis zu Emma ihrem Gemüseladen rüber. Und der lag gleich neben der Schule. Also nimmt sich Bertl ihre Wahlbenachrichtigungskarte und natürlich den Würfel und geht los. Bertl hätte sicher recht daran getan, auch noch einen Zettel mitzunehmen, aber zum Glück war sie ja, wie gesagt, trotz ihres Alters noch recht klar im Kopf. Das Prozedere im Wahllokal dürfte Ihnen bekannt sein. Es ist immer das Gleiche. Auch für Bertl ist es inzwischen bis zum Gang zur Wahlkabine schon fast Routine geworden. Doch jetzt wird's spannend. Was wird Bertl tun? Schauen wir uns dazu den Wahlzettel von oben nach unten an, den Bertel jetzt auseinanderfaltet. Sie wissen: links steht der Direktkandidat, rechts die Partei oder Liste. Ganz rechts habe ich im folgenden die Gedanken dazu geschrieben, die Bertl beim Durchlesen des Wahlzettels kamen.

Willy Schrödinger - Die Roten (War da nicht mal was mit Schrödingers Katze? War sie nun tot oder doch nicht? War Barschel schuld? Das war aber schon lange her. Sozusagen verjährt.)

Helmut Stoikel - Die Schwarzen (Waren auch schon mal dran. Da gab's noch jedes Jahr mehr Rente.)

Oskar Gysky - Die Infraroten (Bertl hat wie gesagt Probleme mit den Augen und ist sich bei den Infraroten sehr unsicher geworden.)

Hans Dietrich Kinkhardtwelle - Die Gelben (Machen meist den Mund weit auf und tun dann doch, was der große Bruder sagt. Haben aber noch nie jemandem geschadet.)

Joschka Krötenttin - Die Grünen (Bei uns gibt es nur das Braunkohlekraftwerk. Das macht keine Strahlen.)

Trude Großkatze - Die Grauen (Wer sieht die Radieschen zuerst von unten? Die oder ich? Keine Ahnung, was die wollen. <>)

Franz Schönhaufen - Die Braunen (Die Hundehaufen sind immer noch am dampfen. Und der Gestank erst, der manchmal über die Straße kommt. Und das trotz Hundesteuer. Verbieten müßte man das in der Stadt. Oder generell.)

Harald Saufnichabke - Die Blauen (Was die wohl für uns tun wollen? <>)

Bertl sortiert im Kopf:

Die Roten
Die Schwarzen
Die Gelben
Die Grünen

kommen in die engere Auswahl. Alle anderen nicht. Jetzt zückt Bertl den Würfel. Zum Glück sind nicht mehr als 6 Parteien übrig geblieben, sodass Bertl nicht alle noch in mehrere Gruppen aufteilen muss.

Bertl würfelt. Eine 5. Als Mathematikerin weiß sie, daß der beste Zufall nichts taugt, wenn man nun bis "Die Grünen" durchzählt, oben wieder anfängt und bei "Die Roten" stehen bleibt. Ganz unabhängig von der Reihenfolge der vier genannten Parteien. Das ist ein rein mathematisches Problem. Sie würfelt also noch einmal.

Ausgerechnet jetzt fällt mir ein, dass mein Wahlbenachrichtigungsschein noch zu Hause liegt. Ich wollte doch gleich hinter Bertl wählen. Allerdings ohne Würfel. Also muss ich Bertl jetzt alleine lassen und kann Ihnen nicht berichten, wo sie ihr Kreuz macht. Aber das macht nichts. Schließlich ist das Ergebnis letztlich rein stochastisch. Ich meine zufällig. Und beachten Sie die Gleichverteilung dabei. Die gilt für alle, außer den aussortierten Parteien. Ach so. Sie haben nicht studiert? Macht nichts. Bertl und ich wissen, dass es so ist. Ich denke das sollte uns hier reichen.

Hiermit endet nun mein Bericht, denn Sie können sich sicher vorstellen, dass der Wahlabend für Bertl so ganz ohne Radio und Fernsehen ein entspannender Abend war. Jedenfalls kann Bertl jetzt ohne Gewissensbisse auch wieder aus dem Fenster schauen. Und so lange, wie in der folgenden Nacht, hat sie schon ewig nicht mehr geschlafen.

Übrigens ist der Enkel von Gegenüber inzwischen ausgezogen. Man sagt, seine Nachbarn hätten sich beim Vermieter beschwert. Kann schon sein.

Bertls Nachbar.
Soweit dieser Bericht. Sie werden verstehen, dass ich Ihnen an dieser Stelle nicht noch weitere Berichte über die Umsetzung des Konzepts von DOCHwählen zumuten. Es dürfte klar sein, wie es funktioniert.

Hinweise: Der hier wiedergegebene Bericht entstand unter den Bedingungen der künstlerischen Freiheit. Dass Bertl zu dieser Zeit eine Katze besaß, stimmt genau genommen nicht. Bertls Katze war wenige Wochen zuvor im Nachbargrundstück einem Messer zum Opfer gefallen. Dort, wo seit neuestem neben dem Eingang zwei Pappmaché-Drachen stehen.

Die Rechte am Text liegen ausschließlich beim Autor. Eine auch nur auszugsweise Veröffentlichung des Textes ist nur mit Genehmigung des Autors gestattet. Kontaktieren Sie uns deshalb gegebenenfalls. Natürlich sind wir an Veröffentlichungen interessiert. Extra dafür steht auch eine in der Rahmenhandlung leicht variierte Version zur Verfügung, die inhaltlich nicht so direkt an die Webseite gebunden ist.

Sämtliche Zusammenhänge mit Personen und Parteien sind frei erfunden. Der Bericht steht in keinem Bezug zu einer bestimmten Bundestagswahl. Die Ähnlichkeit mit Personen und Parteien sind jedoch gewollt. Das alles nur für die, die sich beschweren wollen.

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